Sag mir wo die Blumen sind

 

„Sag‘ mir wo die Blumen sind,
wo sind sie geblieben?
Sag‘ mir wo die Blumen sind,
was ist geschehn?“

 

Es waren einmal ….Elfenspiegel, Gänseblümchen, Butterblume, Rittersporn, Löwenzahn, Schneeglöckchen, Glockenblume, Lichtnelke, Osterglocke, Stiefmütterchen, Schlüsselblume, Katzenminze, Männertreu, Silberblatt, Maiglöckchen, Goldlack, Schneeball, Madonnenlilie, Sonnenauge, Storchenschnabel, Ringelblume, Kaiserkrone, Eisenhut, Mädchenauge, Geißblatt, Schachbrettblume, Goldrute, Fingerhut, Christrose, Sonnenröschen, Kornblume, Zittergras, Tausendschön, Frauenmantel, Löwenmäulchen, Sonnenblume, Königskerze, Buschwindröschen, Tränendes Herz, Schokoladenblume, Vergissmeinnicht… Vergiss-uns-nicht…

 

 

Es ist Sommer, die Tage sind wunderbar lang und die Nächte kurz. Früh am Morgen reibe ich mir den Schlaf aus den Augen, es fällt schwer aufzustehen, ich hatte einen soooo schönen Traum…
Die Sonne begann ihre Tagesreise, der Horizont erstrahlte in lichtem Blau. Ich lag in einer sanft schaukelnden Hängematte im grünen Schatten belaubter Bäume und hin und wieder streiften zarte, warme Strahlen mein Gesicht. Eine noch frische Brise war erfüllt von tausenderlei Wohlgerüchen. Es summte, flatterte und zwitscherte vergnügt durch meinen Traumgarten. Eine dicke Hummel brummte um meine Nase, in der Ferne quakte ein Frosch. Die unzähligen Blumen in der leuchtenden grünen Wiese prunkten in allen Farben des Spektrums und lockten schillernde, gaukelnde Schmetterlinge an. War ich in ein Märchen geplumpst? Schneewittchen, Froschkönig, Dornröschen…

 

 

Wumms! Unsanft geht meine Traumreise zu Ende, laute Stimmen, heftige Baggergeräusche, Stampfen von Rüttelmaschinen – in der Nachbarschaft wird ein Garten angelegt.
Und wieder reibe ich mir verwundert, ja sogar ziemlich erschreckt die Augen!
Die neuen Nachbarn haben ein schönes Grundstück, ideale Lage, süd-westliche Ausrichtung. Das große Haus ist ein repräsentatives Diktat des zeitgenössischen Architekturgeschmacks. Ein kantiger, fast monolithischer Baukörper in Sichtbeton mit riesigen, aquariumartigen Fenstern. Fehlt jetzt also nur noch die vollautomatisch bewässerte Gartenanlage. Hier soll ein „moderner Grünraum“ entstehen, wie mir der smarte neue Hausbesitzer stolz erklärt. Er holt mit weiträumigen Gesten aus: Die beiden großen Terrassenflächen auf unterschiedlichem Niveau werden mit sechs quadratischen, mit Stahl eingefassten Pflanzbeeten voneinander abgegrenzt und mit einer dichten Bepflanzung aus immergrünen, pflegeleichten Bodendeckern akzentuiert. Die untere Terrasse wird durch ein langgestrecktes, formales Wasserbecken begrenzt. Einige Hainbuchen in Würfeloptik sind rhythmisch versetzt als Sichtschutz zum Nachbargrundstück auf der Ostseite geplant. Den hinteren Abschluss seines Grundstücks bildet eine lange Hecke aus großblättrigen, formstabilen Kirschlorbeer-Pflanzen, natürlich direkt einsachtzig hoch! Die sehen das ganze Jahr über gleich aus ohne jegliche Veränderung. Große, glänzende, wachsartige, fast plastikhaft anmutende Blätter. Keine Blüte, keine Herbstfärbung und vor allem kein Laubabfall! Was will der neue Mann mehr? Ach ja, wachsen tun sie schon, und strecken sich mal ein, zwei Zweiglein mit vorwitzigen Blättern übermütig aus der schnurgeraden Wand heraus, kommt rumms! die Heckenschere zum Einsatz und alle werden stramm in die parademäßige Form zurück gezwängt. Da gibt’s kein Pardon! (Zum Anpflanzen von Kirschlorbeer lohnt es sich, einmal die Meinung von Naturschützern zu lesen, z.B. NABU Bremen).


Zwischen all dieser unterkühlten Pracht entsteht die topfebene, streng gradlinige Rasenfläche. Und zwar morgen schon, an einem Tag! Der Lkw mit der Rollrasenladung ist bestellt. Am Abend ist die gesamte Fläche phantastisch grün! „Instant – sofortig“ wie es in der Übersetzung so treffend heißt. Herr-lich!
Dass der neue, teure Teppich seine satte Farbe selbst-herr-lich behalten muss, steht außer Zweifel. Und da es Sommer und sehr heiß ist und kein Baum weit und breit etwas Schatten spendet, müssen die Wassersprenger ran. Jeden Tag, morgens und abends wird geflutet, stundenlang! Koste es, was es wolle! Ressourcen? Was ist das? Für wen? Für die Nachgeborenen vielleicht? Ach was, die können ja immer noch auf praktischen Kunstrasen aus recyceltem Meeresplastikmüll zurückgreifen. Das wäre ja insofern noch eine sinnvolle Verwendung, um nicht wertvolles Wasser zu verplempern.

 

„Das lehrt uns jeder Garten:
Arbeit, Freude und auch Warten.“
anonym

 

 

I wo, wer braucht noch solche altmodischen Belehrungen? Im digitalen Zeitalter? – Wo kämen wir denn hin?
Das Smartphone des „Grünraum-Erklärers“ ertönt energisch, ein kurzer Gruß, er muss „sofortig“ zum nächsten Termin. Der metallic-schwarze 911er röhrt kräftig! Höchste Zeit, Alter!
Ist ja auch alles gesagt, ich bin jetzt voll im Bilde! Bleibe aber etwas verdattert und leicht verstört noch eine Weilchen stehen und überlege mir, wie seine beiden Kinder, die in Grundschule und Kindergarten gehen, in dieser sterilen, makellosen Umgebung spielen werden. Ob er die mal gefragt hat, wie sie sich einen Garten vorstellen und ob sie darin vielleicht auch etwas pflanzen dürfen. Sandkasten, Schaukel, Baumhaus? BLUMEN zum Pflücken und Entzücken? BÄUME zum Klettern und Ausschau halten? BÜSCHE zum Verstecken und Geheimnisse teilen? SPIELWIESE zum Toben? Kommt das alles noch? Leer, glatt, schatten- und seelenlos liegt das geliftete große Grundstück in der Sonne. Dabei wäre es gerade heute in unserer immer künstlicher und virtueller werdenden Umwelt dringlich, Kindern einen naturhaften Raum zu geben, in dessen Schutz Spiel und Heiterkeit sorglos erlebt werden könnten.

 

„Es muß auch Spiel und Unschuld sein,
und Blütenüberfluss,
sonst wär die Welt uns viel zu klein,
und Leben kein Genuss.“

– Hermann Hesse –
Gedichtzeile aus
„Voll Blüten“

 


Und was und wie können die kleinen Abenteurer am Wochenende genießen? Wo ist ihr kleines Gartenreich zum Erforschen und Entdecken, Matschen und Buddeln, Radieschen und Vergissmeinnicht pflanzen oder Blättersuppe kochen? Wo dürfen sie ihren kindlichen Tatendrang ausleben, in einer kleinen lauschigen Laube träumen oder aus Gänseblümchen niedliche Kränzchen auffädeln, um Garten-Prinzessin zu werden?

 


Nein, es ist Weekend und Papi muss zu einem wichtigen Golfturnier, der Achtjährige quengelt, er will zum Freund, der hat das aktuellste Video-Spiel. Die Kleine möchte zum Spielplatz, da sind Freunde, mit denen sie im Sand spielen und schaukeln kann. Mami seufzt und entscheidet sich für das schicke neue Sommerkleid mit dem hübschen Blumenmuster –  florale Prints sind derzeit groß in Mode. Und der Garten gähnt aus Langeweile.
Ach was, der Grünraumbesitzer hat mittels Smartphone noch schnell die Rasenroboter angeschmissen, damit kein Hälmchen aus der Reihe tanzt und alles exakt glatt rasiert ist, wenn die Familie abends heim kommt und kontemplativ das schöne Wochenende im perfekt gestylten Garten Eden ausklingen lassen möchte. Einen kleinen, eiskalten „Hugo“ gefällig, Schatz? Und nicht die Minzeblättchen vergessen, die liegen im Kühlschrank, frisch in Plastik verpackt aus dem Supermarkt.

 

Und ich? Ich habe ein paar köstliche Tomaten geerntet, den Rosen den Sommerschnitt verpasst, mich dabei an ihrem Duft berauscht und zum Schluss das Verwelkte an den Balkonpflanzen ausgezupft und sie tüchtig gegossen.

 

 

Jetzt liege ich wieder in meiner Hängematte zwischen den alten Apfelbäumen, lasse die Seele baumeln – ganz kontemplativ – und träume in meinem duftenden, summenden und zwitschernden kleinen Zaubergärtchen so vor mich hin, dass sich vielleicht eines fernen Tages an einem schönen Sommerabend eine einsame, anmutige Jungfer im Grünen im porzellanblauen Kleidchen mit einem feurigen, blendend aussehenden, Gartenfuchsschwanz zum Stelldichein trifft.


Wer weiß, vielleicht entsteht ja irgendwann wieder etwas ganz Neues, Schönes. Ein Herz und Seele berührendes Verständnis für Gärten als Sinnbild eines beglückenden Zipfelchens vom Paradies, wo Bienen fleißig Nektar sammeln können, Vögel ihre Nester in dichtbelaubten Bäumen bauen dürfen, Marienkäfer an Rosenstöcken Blattläusen auflauern und in die sich hin und wieder mal ein fleißiger Regenwurm oder farbenschillernder Schmetterling verirrt. Noch habe ich die Hoffnung, dass es immer wieder Menschen gibt, die sich ihre Gartenoase als Ort der Geborgenheit, Inspiration und Freude vorstellen können und somit als großes Glück.

 

 

„Willst du einen Tag lang glücklich sein, betrinke dich.
Willst du ein Jahr lang glücklich sein, heirate.
Willst du ein Leben lang glücklich sein, dann werde Gärtner.“
– chinesisches Sprichwort –

 

 

 

Schöne Junitage


Mitternacht, die Gärten lauschen,
Flüsterwort und Liebeskuß,
Bis der letzte Klang verklungen,
Weil nun alles schlafen muß –
Flußüberwärts singt eine Nachtigall.

Sommergrüner Rosengarten,
Sonnenweiße Stromesflut,
Sonnenstiller Morgenfriede,
Der auf Baum und Beeten ruht –
Flußüberwärts singt eine Nachtigall.

Straßentreiben, fern, verworren,
Reicher Mann und Bettelkind,
Myrtenkränze, Leichenzüge,
Tausendfältig Leben rinnt –
Flußüberwärts singt eine Nachtigall.

Langsam graut der Abend nieder,
Milde wird die harte Welt,
Und das Herz macht seinen Frieden,
Und zum Kinde wird der Held –
Flußüberwärts singt eine Nachtigall.

– Detlev von Liliencron –

 

Mein Herz macht für heute auch seinen Frieden und mit den einfühlsamen Worten des Dichters möchte ich mich vom wunderschönen Monat Juni verabschieden und allen gärtnernden Eltern, Großeltern, lieben Freunden und Anverwandten ans Herz legen: Erhaltet den unerschöpflichen Zauber der Vielfalt. Legt Gärten an, die weitgehend naturnah gestaltet sind und vergesst die Blumen nicht, lasst sie blühen! Für Bienen und Schmetterlinge, für Insekten und Vögel. Hegt und pflegt eure irdischen Paradiese, wir alle brauchen sie dringender denn je!
eure Evelyn

 

 

PS.: „Vergiss-uns-nicht“
Da ich in jüngster Zeit immer öfter derart gedanken- und lieblos angelegte „moderne“ Grün-Räume registriere, bereitet mir dieser Trend heftige Sorgen. Meiner Meinung nach verlieren wir unser unschätzbares kulturelles Erbe „Garten und gärtnern“ mit allen seinen bereichernden Erfahrungen im Wachsen, Werden und Vergehen.
Wer sich einmal intensiv mit der Anlage eines inspirierenden Gartens beschäftigen möchte, dem empfehle ich das Buch „Die Früchte der Gelassenheit – was ein Garten lehren kann“ der italienischen Autorin Pia Pera, die u.a. nach den Lehren und der Gartenphilosophie des japanischen Mikrobiologen und Bauern Masanobu Fukuoka ihr Stückchen Paradies von Grund auf gestaltet und in eine fruchtbare Oase verwandelt hat.

 

(Dieser Post enthält Buchempfehlungen und damit unbezahlte und unbeauftragte Werbung.)

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